Am Morgen war die rechte Hand ziemlich steif. Mit der Zeit konnte ich ein bisschen Bewegung in die Sache bringen. Den Schlafsack in die Hülle stopfen oder die Isomatte zusammengerollt in die entsprechende Hülle zu bugsieren war jedoch anstrengender und alles dauerte länger. Diesmal musste ich sogar das Zelt auseinandernehmen - ich musste im Nassen abbauen.
So blieb es den ganzen Tag. Der Wind wehte den Regen über die Vidda. Erinnerungen an das letzte Jahr kamen hoch. Der gleiche Regen, der gleiche Matsch, der gleiche Frust. Diesmal jedoch die Erkenntnis und das Wissen, dass ich das schaffe und dass ich schon durch andere Situationen durchgegangen bin. Ich merke in den Momenten immer, dass ich die Tour im letzten Jahr noch lange nicht verarbeitet habe.
Als der Frust zunahm und ich Mobilfunkempfang hatte, bestellte ich einen Platz in der nächsten Herberge. An solchen Tagen braucht man einen Ort, wo man wieder trocknen und sich aufwärmen kann.
Der Regen nahm immer stärker zu. Manchmal flogen die großen Tropfen so hart gegen das Gesicht, dass ich dachte, dass es hagelt.
An einer Staumauer ein Wandererparkplatz mit vielen ausländischen Kennzeichen. Ein paar Leute, die mich mit ihrem Tagesrucksack überholt hatten, stiegen in ihr Auto. Das hätte ich jetzt auch gern. Warm und trocken. Mir blieb nur der Dachüberstand einer Hütte, in deren Windschatten ich eine kurze Pause machte und einen Riegel aß. Danach nochmal 7 km durch Regen und Sumpf bis zur Stigstuv. Mir begegneten ein paar ziemlich angenervt aussehende Wanderer, die wahrscheinlich zu einem der Autos unten gehörten.
In Stigstuv hatte ich ein 4er-Zimmer für mich. Es gab 2 Trockenräume - einmal im Haus und der für die dreckigen Sachen in der Hütte, wo der Dieselgenerator zur Stromerzeugung lief. Das sind wohl die fehlenden Prozent bei der Stromproduktion aus erneuerbaren Energien in Norwegen. Mein Zelt konnte ich hier jedoch wunderbar trocknen und der Duft nach Diesel wird auch wieder verfliegen.
Auf der Hütte traf ich eine Familie aus den Niederlanden, die vom Parkplatz hochgelaufen war und am nächsten Tag wieder zu ihrem Auto gehen würde. Und dann war da noch eine Norwegerin, die ihre erste eigene Tour machte. Sie ist großer Lars-Monsen-Fan und ging die Tour, die er 2018 (?) mit 600 Leuten inkl. Filmteam wanderte und die in Echtzeit im norwegischen Fernsehen übertragen wurde. Diese „Minutt per minutt“ Sendungen scheinen hier sehr beliebt zu sein, auch wenn ich mit was besseres vorstellen könnte, als anderen Leuten vom Sofa aus beim Wandern zuzuschauen. Wobei - man hat es warm und trocken…
In den bedienten Hütten muss man Abendessen (3 Gänge) und Frühstück dazu buchen. Zum Abendbrot sah ich wohl das einzige Rentier, was ich auf der Vidda zu Gesicht bekommen würde - mit Preiselbeermarmelade. Und zum Nachtisch gab es ein „verschleiertes Bauernmädchen“ (Apfelkompott mit Sahne). Wo ich mich im letzten Jahr von den norwegischen Spezialitäten Pizza Grandiosa und Turmat ernährt habe, lerne ich jetzt das traditionelle Essen kennen.
Und zur Zwischeninfo: Das Handgelenk war zwangsweise den ganzen Tag gekühlt. Es wird besser.

Vielleicht gibt es ja doch noch ein lebendes Rentier zu sehen…
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